Die geheime Welt unter Wiens U Bahn
Unter Wiens Straßen verbirgt sich eine faszinierende Verkehrswelt. Erfahre, wie die Wiener U Bahn entstand, warum unter dem Donaukanal der Boden eingefroren wurde und was sich 35 Meter unter der Stadt abspielt.
Die verborgene Welt der Wiener U Bahn
Du steigst am Stephansplatz in die U Bahn, fährst ein paar Minuten durch einen dunklen Tunnel und tauchst irgendwo anders in Wien wieder auf. Ganz normal. Dabei denkt kaum jemand darüber nach, was sich zwischen Straßenoberfläche und Bahnsteig eigentlich alles befindet. Alte Keller, Fundamente, Kanäle, archäologische Schichten und teilweise Bauwerke, die deutlich älter sind als die U Bahn selbst.
Unter Wien liegt längst eine zweite Verkehrsebene. Und ihre Geschichte ist überraschender, als man vermuten würde.
Wie Wien begann, unter die Stadt zu bauen
Der entscheidende Beschluss für das Wiener U Bahn Grundnetz fiel am 26. Jänner 1968. Ein Jahr später, am 3. November 1969, begannen am Karlsplatz die Bauarbeiten. Am 25. Februar 1978 wurde schließlich die erste vollständig neu errichtete Strecke der U1 zwischen Karlsplatz und Reumannplatz eröffnet.
Besonders spannend war der Bau in Richtung Stephansplatz. Für den Tunnel zwischen Karlsplatz und Stephansplatz kam eine Schildmaschine zum Einsatz, die bald einen sehr passenden Spitznamen bekam: der Wiener Maulwurf. Der rund 680 Meter lange Tunnel wurde in nur 76 Tagen aufgefahren. Teilweise musste unter Überdruck gearbeitet werden, weil die Bodenverhältnisse schwierig waren.
Richtig interessant wurde es, als man direkt neben dem Stephansdom tiefer grub. Unter dem heutigen Stephansplatz kamen historische Hausfundamente, alte Kelleranlagen und weitere Überreste des früheren Wien zum Vorschein. Bei den Arbeiten wurden außerdem Spuren der ehemaligen Maria Magdalena Kapelle und historische Begräbnisstätten untersucht. Der Bau der U Bahn wurde damit gleichzeitig zu einer Reise durch mehrere Jahrhunderte Wiener Stadtgeschichte.
Auch der Stephansdom selbst musste genau überwacht werden. Bereits 1971 wurde ein unabhängiger Ingenieur eingesetzt, der die Sicherungsmaßnahmen kontrollierte. Automatische Messgeräte registrierten Erschütterungen im Dom. Bei einer Gefahr hätte der verantwortliche Ingenieur die Bauarbeiten stoppen lassen können.

Ein Teil der Wiener U Bahn ist über 100 Jahre alt
Nicht jede Wiener U Bahn Strecke entstand erst ab den 1970er Jahren. Teile der heutigen U4 und U6 gehen auf die historische Wiener Stadtbahn zurück. Einige ihrer Anlagen stammen noch aus dem späten 19. Jahrhundert.
Deshalb begegnet man entlang dieser Linien bis heute der Architektur Otto Wagners. Stationsgebäude, Viadukte und andere Elemente der ehemaligen Stadtbahn wurden später in das moderne Verkehrsnetz übernommen. Wer mit U4 oder U6 unterwegs ist, fährt also teilweise durch Verkehrsinfrastruktur, deren Geschichte mehrere Generationen zurückreicht.
Besonders ungewöhnlich wurde der U Bahn Bau beim Ausbau der U2 am Schottenring. Dort mussten Tunnel direkt unter dem Donaukanal entstehen. Das Problem war der wasserreiche Boden. Die Lösung klingt fast unglaublich: Der Untergrund wurde eingefroren.
Zunächst kam flüssiger Stickstoff mit einer Temperatur von minus 196 Grad Celsius zum Einsatz. Danach wurde der gefrorene Boden mit einer kalten Salzlösung stabil gehalten. Dadurch entstand ein gefrorener Bereich, der Wasser zurückhielt und den Boden sicherte. Erst danach konnten die Tunnel sicher ausgebrochen werden. Mitten in Wien wurde also vorübergehend ein Teil des Untergrunds eingefroren, damit dort später U Bahn Züge fahren konnten.
35 Meter unter Wien
Auch heute wird unter Wien weitergebaut. Mit dem Ausbau von U2 und U5 entsteht eine neue Verkehrsebene unter bestehenden Straßen, Gebäuden, Leitungen und U Bahn Strecken.
Besonders tief geht es bei der zukünftigen Station Neubaugasse. Die neuen U2 Bahnsteige entstehen rund 35 Meter unter der Straßenoberfläche. Damit soll die Neubaugasse künftig die tiefst gelegene U Bahn Station Wiens werden. 35 Meter entsprechen ungefähr der Höhe eines zehnstöckigen Hauses, nur eben nach unten.
Für große Teile der neuen Tunnel kam eine riesige Tunnelvortriebsmaschine zum Einsatz. Ihr Name ist Debohra. Die Maschine ist 127 Meter lang, wiegt mehr als 1.300 Tonnen und besteht aus rund 27.000 Einzelteilen. Unter günstigen Bedingungen konnte sie bis zu zehn Meter Tunnel pro Tag herstellen.
Während sich Debohra vorarbeitete, wurde das ausgebrochene Material abtransportiert. Direkt dahinter entstand bereits die fertige Tunnelröhre aus Betonelementen. 2026 wurden die Tunnelvortriebsarbeiten für diesen Bauabschnitt abgeschlossen. Die beiden neuen U2 Tunnel zwischen Matzleinsdorfer Platz und Augustinplatz erreichen zusammen eine Länge von rund 4,2 Kilometern.
Währenddessen läuft das Leben an der Oberfläche einfach weiter. Menschen gehen einkaufen, Autos fahren durch die Straßen und wenige Meter daneben sitzen Gäste im Kaffeehaus. Tief darunter entsteht eine neue U Bahn.
Eine Stadt unter der Stadt
Vielleicht ist genau das das Faszinierende an der Wiener U Bahn. Wir benutzen sie ständig, sehen aber nur einen kleinen Teil dessen, was sich unter unseren Füßen befindet.
Am Stephansplatz führte der Bau durch jahrhundertealte Stadtgeschichte. Teile von U4 und U6 basieren auf Infrastruktur aus der Zeit Otto Wagners. Unter dem Donaukanal musste der Boden künstlich eingefroren werden und unter der Neubaugasse entsteht eine Station rund 35 Meter tief unter der Stadt.
In Zukunft wird diese unterirdische Welt noch größer. Mit der U5 bekommt Wien erstmals eine vollautomatisch betriebene U Bahn Linie. Nach aktuellem Zeitplan sollen die U5 zwischen Karlsplatz und Frankhplatz sowie die verlängerte U2 bis zum Matzleinsdorfer Platz im Jahr 2030 in Betrieb gehen.
Die Wiener U Bahn ist deshalb weit mehr als ein schneller Weg von A nach B. Sie ist ein riesiges Bauwerk, das sich durch historische Schichten, alte Infrastruktur und den modernen Untergrund der Stadt zieht. Beim nächsten Einsteigen lohnt sich vielleicht ein kurzer Gedanke daran: Unter Wien fährt nicht einfach nur eine U Bahn. Dort unten steckt ein ziemlich großes Stück Wiener Stadtgeschichte.
Quellen: Stadt Wien, Wiener Linien, historische Rathauskorrespondenz der Stadt Wien sowie offizielle Informationen zum Ausbau von U2 und U5. Stand: September 2026.