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Der dritte Mann in Wien

Der dritte Mann in Wien

Ein Film, der Wien nicht mehr loslässt

Nasses Kopfsteinpflaster im Laternenlicht, schräge Schatten an zerschossenen Fassaden, eine Zithermelodie, die man nie wieder aus dem Kopf bekommt. Kaum ein Film hat das Bild vom geheimnisvollen Wien der Nachkriegszeit so geprägt wie „Der dritte Mann“. Das British Film Institute kürte ihn 1999 sogar zum besten britischen Film des 20. Jahrhunderts.

Dabei zeigt der Film kein Postkartenwien. Er zeigt eine zerstörte, geteilte Stadt voller Schieber und Schwarzmarkthändler, und er führt seine Zuschauer dorthin, wo Wien am geheimnisvollsten ist, unter die Erde.

Wien 1947, eine Stadt in vier Teilen

Die Handlung spielt im Februar 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, gedreht wurde ein Jahr später. Wien war damals von den vier Siegermächten besetzt, und die Bezirke waren zwischen der Sowjetunion, den USA, Großbritannien und Frankreich aufgeteilt. Die Sowjets kontrollierten unter anderem die Leopoldstadt und Favoriten, die Amerikaner die Josefstadt und den Alsergrund, die Briten die Landstraße und Hietzing, die Franzosen Mariahilf und mehrere Bezirke im Westen.

Die Innere Stadt wurde gemeinsam verwaltet, und der Vorsitz wechselte jeden Monat. Dort patrouillierten Militärpolizisten aller vier Mächte gemeinsam in einem Fahrzeug, die Wiener nannten sie „Die Vier im Jeep“.

Viele Häuser lagen noch in Trümmern. Lebensmittel, Medikamente und Brennstoffe waren knapp, und der Schwarzmarkt blühte. Genau diese Stimmung fängt der Film ein, eine Stadt zwischen Ruinen und Wiederaufbau.

Wie der Film entstand

Anfang 1948 beauftragte der britische Produzent Alexander Korda den Schriftsteller Graham Greene mit einer Geschichte für einen Film über das Nachkriegseuropa. Greene brachte bereits eine Grundidee mit, einen Mann, der für tot gehalten wird und plötzlich wieder auftaucht. In Wien bekam die Geschichte dann ihre entscheidenden Zutaten.

Elizabeth Montagu führte Greene durch die Stadt und brachte ihn mit Menschen zusammen, die das Wien der Nachkriegszeit gut kannten. Über sie lernte er den Journalisten Peter Smolka kennen, der ihm vom Schwarzmarkt und vom Leben in der besetzten Stadt erzählte. Auch die Kanalisation sah sich Greene an, und daraus wurde jene Unterwelt, die später im Film eine zentrale Rolle spielt.

Aus diesen Eindrücken entstand Harry Lime, ein charmanter, aber skrupelloser Schieber, der mit gestrecktem Penicillin handelt und dafür den Tod unschuldiger Menschen in Kauf nimmt. Das Drehbuch schrieb Greene gemeinsam mit Regisseur Carol Reed, neben Korda war auch der amerikanische Produzent David O. Selznick beteiligt.

Im Herbst 1948 begannen die Dreharbeiten in Wien. Joseph Cotten spielte Holly Martins, Alida Valli Anna Schmidt, Trevor Howard Major Calloway und Orson Welles Harry Lime. Weil Welles nur kurz in Wien war, sprangen für einige Einstellungen Doubles ein. Kameramann Robert Krasker prägte den unverwechselbaren Stil mit harten Kontrasten in Schwarzweiß, tiefen Schatten und schräg gekippten Perspektiven. Damit das Kopfsteinpflaster glänzte, wurden die Straßen eigens nass gemacht.

Die Unterwelt als Hauptdarsteller

Der berühmteste Teil des Films spielt unter der Erde. Harry Lime nutzt die Wiener Kanalisation als verborgenes Wegenetz, und am Ende wird sie ihm bei einer dramatischen Verfolgungsjagd zum Verhängnis.

Ganz erfunden war das nicht. In der Nachkriegszeit spielten Schmuggel und Schwarzmarkt eine große Rolle, und auch die Kanalisation wurde überwacht, dafür gab es eine eigene Kanalbrigade der Wiener Polizei. Mitglieder dieser Einheit und Kanalarbeiter wirkten sogar bei den Dreharbeiten mit und sind bei der Jagd auf Harry Lime zu sehen. Ein britischer Offizier soll die Bezeichnung Untergrundpolizei anfangs wörtlich genommen und eine geheime Organisation gegen die Alliierten vermutet haben.

Ein Teil der Kanalszenen entstand an Originalschauplätzen rund um den Karlsplatz, wo der Wienfluss unter der Stadt verschwindet. Orson Welles mochte die Bedingungen in den echten Kanälen allerdings wenig, deshalb wurden viele weitere Einstellungen später in London nachgebaut. Dort entstand auch eine der bekanntesten Aufnahmen des Films, die Finger von Harry Lime, die sich durch ein Kanalgitter strecken. Die echten Wiener Gitter waren dafür zu massiv.

Eine Zither erobert die Welt

Auch die berühmte Musik verdankt der Film einem Zufall. Während der Dreharbeiten hörte Carol Reed den Wiener Musiker Anton Karas bei einer Feier Zither spielen und holte ihn nach London. Dort arbeitete Karas mehrere Wochen an der Filmmusik, und statt eines großen Orchesters entschied sich Reed für den Klang einer einzigen Zither.

Das Harry Lime Thema wurde ein internationaler Hit und stand 1950 elf Wochen lang an der Spitze der amerikanischen Charts. Anton Karas, der zuvor unter anderem bei Wiener Heurigen gespielt hatte, wurde über Nacht berühmt und eröffnete später in Wien ein eigenes Lokal namens „Der dritte Mann“.

Auch der Film selbst wurde ein Erfolg. In Cannes gewann er 1949 den Grand Prix, damals den Hauptpreis des Festivals, und Robert Krasker erhielt 1951 den Oscar für die beste Kamera eines Schwarzweißfilms. In Österreich kam der Film am 10. März 1950 in die Kinos, in einer deutsch synchronisierten und gekürzten Fassung. Kurios ist die Geschichte von Paul Hörbiger, der den Portier von Harry Lime spielt. Er sprach kein Englisch und ließ sich seine Sätze von einem Dolmetscher vorsagen.

Auf den Spuren von Harry Lime

Erstaunlich viele Drehorte sind bis heute erhalten. Nach Angaben der Stadt Wien lassen sich rund zwei Drittel der damaligen Schauplätze noch finden.

Der bekannteste ist das Riesenrad im Prater. In einer seiner Gondeln treffen Holly Martins und Harry Lime aufeinander, und hoch über Wien erklärt Lime seinem alten Freund seine zynische Sicht auf die Welt. Den berühmten Schluss seiner Rede über die Schweiz und die Kuckucksuhr hatte Graham Greene gar nicht geschrieben, Orson Welles fügte ihn selbst hinzu.

Als Außenkulisse für Harry Limes Wohnhaus diente das Palais Pallavicini am Josefsplatz neben der Hofburg. Weitere Szenen entstanden unter anderem Am Hof, am Hohen Markt, in der Judengasse, an der Mölker Bastei sowie bei Maria am Gestade und St. Ruprecht.

Eine besondere Rolle spielt der Zentralfriedhof. Früh im Film wird Harry Lime dort scheinbar begraben, und am Ende kehrt die Geschichte dorthin zurück. Die letzte Einstellung gehört zu den berühmtesten der Filmgeschichte. Holly Martins wartet in einer langen Allee auf Anna, sie kommt langsam auf ihn zu und geht wortlos an ihm vorbei.

Die andere Unterwelt

„Der dritte Mann“ hat die Wiener Kanalisation weltberühmt gemacht, doch sie ist nur ein Teil der Welt unter der Stadt. Unter der Innenstadt liegen hunderte alte Keller, manche reichen mehrere Stockwerke tief. Im Zweiten Weltkrieg wurden viele davon zu Luftschutzräumen umgebaut und teilweise unterirdisch miteinander verbunden. Noch heute findet man dort zugemauerte Durchgänge, alte Wegweiser und andere Spuren jener Zeit.

Es ist eine Welt, die erstaunlich gut zur Stimmung des Films passt, dunkel, verwinkelt und verborgen direkt unter den Straßen. Bei der Wiener Unterwelt Führung von Wien mal anders steigst du in private Keller der Innenstadt hinab. Die Tour führt durch historische Kelleranlagen, ehemalige Luftschutzräume und andere Orte, die normalerweise verschlossen bleiben.

Mit Harry Lime haben diese Keller zwar nichts direkt zu tun, aber sie zeigen genau die verborgene Seite Wiens, die „Der dritte Mann“ bis heute so faszinierend macht. Die Zither musst du dir dazudenken.

Quellen Wien Geschichte Wiki, Der dritte Mann · Wien Geschichte Wiki, Alliierte Besatzung · Stadt Wien, Wien Kanal und Der dritte Mann · Wikipedia, Der dritte Mann · Wikipedia, The Third Man · Wikipedia, Filmfestspiele Cannes 1949

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