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Unter Wiens Straßen - Die Geschichte der Wiener Kanalisation

Unter Wiens Straßen - Die Geschichte der Wiener Kanalisation

Die Geschichte der Wiener Kanalisation

Ein Labyrinth unter Wiens Straßen

Unter Wiens Straßen liegt ein rund 2.500 Kilometer langes Labyrinth. Das ist etwa so lang wie die Strecke von Wien nach Paris und wieder zurück. Täglich fließt rund eine halbe Milliarde Liter Abwasser durch diese Kanäle zur Hauptkläranlage in Simmering.

Doch die Wiener Kanalisation ist mehr als Infrastruktur. Sie erzählt fast 2.000 Jahre Stadtgeschichte, von römischen Soldaten über Seuchen und Kaiserinnen bis zu einem der berühmtesten Filme aller Zeiten. Wer sich für das unterirdische Wien interessiert, kommt an ihr nicht vorbei.

Von den Römern bis zu Maria Theresia

Die Geschichte beginnt um das Jahr 100 nach Christus. Römische Soldaten legten im Legionslager Vindobona ein erstaunlich modernes Kanalsystem an. Ein freigelegter Sammelkanal unter der Feuerwache Am Hof war rund 1,80 Meter hoch, gemauert aus Bruchstein, mit einer Sohle aus Dachziegeln. Regenwasser floss durch steinerne Gitter mit rosettenförmigen Öffnungen ab, und bevor das Abwasser in die Donau gelangte, passierte es sogar drei Klärbecken.

Mit der Zerstörung des Lagers um 400 bis 405 geriet dieses Wissen für Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst im Mittelalter tauchen wieder unterirdische Ableitungen auf, die sogenannten „Mörungen“. Die städtischen Kammeramtsrechnungen verzeichnen zwischen 1435 und 1479 fast jedes Jahr Ausgaben für ihre Instandhaltung. Das Abwasser landete allerdings meist ungeklärt in offenen Bächen wie dem Ottakringer Bach oder im Wienfluss.

Den eigentlichen Wendepunkt brachte der Wiederaufbau nach der Zweiten Türkenbelagerung 1683. Die neuen Häuser erhielten großteils Anschlüsse an Straßenkanäle. 1706 wurden Hausbesitzer aufgefordert, ihre Senkgruben aufzulassen, und 1753 ordnete Maria Theresia den Bau von Hauptkanälen an. Mitte des 18. Jahrhunderts war die Stadt innerhalb der Basteien fast vollständig kanalisiert. Oft wird Wien deshalb als erste vollständig kanalisierte Stadt Europas bezeichnet.

Wie die Cholera Wien unterkellerte

Im 19. Jahrhundert wuchs Wien rasant, die Kanäle hielten nicht mit. Um 1830 gab es in der Stadt nur rund 20 Kilometer Straßenkanäle, in den Vorstädten etwa 90. Das Abwasser floss direkt in den Wienfluss und verseuchte zugleich die Hausbrunnen, aus denen die Menschen ihr Trinkwasser holten.

Die Choleraepidemie von 1831/32 wurde zum Weckruf. Noch knapp vor ihrem Ausbruch begann der Bau zweier großer „Hauptunratskanäle“ entlang des Wienflusses. Der Kanal am rechten Ufer entstand von 1831 bis 1834 auf rund 4,9 Kilometern, der am linken Ufer von 1836 bis 1839. Die Wiener nannten sie bald nur noch die Cholerakanäle. Sie fingen das Abwasser der Vorstädte auf und leiteten es gesammelt in den Donaukanal.

Perfekt waren sie nicht. Im Sommer fehlte oft Spülwasser, die Kanäle stanken, und bei Starkregen lief alles weiterhin in den Wienfluss. Noch in den 1860er Jahren galt Wohnen am Wienfluss als gesundheitsgefährlich. Endgültig besiegt wurde die Seuche erst durch die Erste Hochquellenwasserleitung und die Regulierung des Wienflusses.

In den Jahrzehnten danach wurde die Stadt Stück für Stück „unterkellert“. Bäche wie der Ottakringer Bach, die Als oder der Währinger Bach verschwanden in gemauerten Gewölben. Ab 1892 entstanden entlang des Donaukanals die großen Hauptsammelkanäle, die bis 1904 fertig wurden. Bis 1914 war das Netz auf mehr als 900 Kilometer Straßenkanäle angewachsen.

Wie ein Film die Kanäle weltberühmt machte

Im Herbst 1948 begann Carol Reed in der zerbombten, von vier Alliierten besetzten Stadt mit dem Dreh von „Der dritte Mann“ nach einem Drehbuch von Graham Greene. Joseph Cotten, Orson Welles, Alida Valli und Trevor Howard spielten die Hauptrollen. Der heimliche Star des Films ist aber der Wiener Untergrund.

Die berühmte Verfolgungsjagd, in der Orson Welles als Schwarzmarkthändler Harry Lime durch die Kanäle flieht, wurde an Originalschauplätzen rund um den Karlsplatz gedreht. Die Kanalpolizei im Film spielten echte Mitglieder der Wiener Kanalbrigade, und zwar in ihrer Freizeit. Ganz aus der Luft gegriffen war die Handlung nicht, denn in der Nachkriegszeit nutzten Schmuggler und Schwarzmarkthändler das Kanalnetz tatsächlich.

Alle Kanalszenen entstanden übrigens an einem einzigen Ort. Erst die geschickte Kameraführung lässt sie wie ein ganzes Labyrinth wirken. Die berühmten Finger, die sich durch ein Kanalgitter zwängen, wurden dagegen in einem Londoner Studio nachgedreht, weil die echten Wiener Gitter zu dick und zu eng waren.

Unvergesslich ist auch die Musik. Das Harry Lime Thema spielte der Wiener Heurigenmusiker Anton Karas auf der Zither ein, und es stand elf Wochen lang auf Platz eins der amerikanischen Hitparade. Der Film feierte am 2. September 1949 in London Premiere und lief ab 10. März 1950 auch in Österreich.

Das Kanalnetz heute

Aus rund 110 Kilometern um 1830 ist ein Netz von rund 2.500 Kilometern geworden. Betrieben wird es von Wien Kanal, Österreichs größtem Kanalnetzbetreiber, mit rund 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. 99,8 Prozent aller Wiener Haushalte sind angeschlossen, und trotzdem wächst das Netz jedes Jahr um etwa zehn Kilometer.

Das Netz gliedert sich in fünf große Einzugsgebiete, deren Sammelkanäle das Abwasser zur Hauptkläranlage in Simmering leiten, dem tiefsten Punkt Wiens. Der längste davon, der Rechte Hauptsammelkanal entlang des Donaukanals, misst 16,6 Kilometer. Täglich kommt dort rund eine halbe Milliarde Liter Abwasser an, laut Wien Kanal etwa so viel wie fünf Millionen Badewannen.

Das jüngste Kapitel schreibt der Wiental Kanal, ein Abwassertunnel tief unter dem Wienfluss. Er verhindert, dass bei Starkregen Abwasser in den Fluss überläuft. Die ersten 3,5 Kilometer wurden zwischen 1997 und 2006 gebaut, seit 2024 wird er um weitere neun Kilometer bis nach Auhof verlängert. Es ist das größte Kanalbauprojekt in der Geschichte von Wien Kanal und soll 2028 fertig sein.

Die Stadt unter der Stadt entdecken

Die Wiener Kanalisation zeigt, wie viel Geschichte unter dem Asphalt liegt. Römische Ingenieurskunst, die Angst vor der Cholera, ein Filmklassiker und eines der modernsten Abwassersysteme Europas verbergen sich direkt unter unseren Füßen. Die Kanäle sind dabei nur ein Teil des unterirdischen Wien.

Unter der Innenstadt liegen auch jahrhundertealte Keller, Weinkeller und vergessene Räume, die mindestens genauso viele Geschichten erzählen. Lust gemeinsam mit uns Wien mal anders zu entdecken? Wir freuen uns dich bei der nächsten Tour begrüßen zu dürfen!

Quellen Stadt Wien, Kanalnetz · Stadt Wien, Kanalisation · Stadt Wien, Einblick in das Wiener Kanalsystem · Stadt Wien, Wien Kanal und Der dritte Mann · Wien Geschichte Wiki, Kanalisation · Wien Geschichte Wiki, Kanalisation in Vindobona · Wien Geschichte Wiki, Cholerakanäle · Wien Geschichte Wiki, Der dritte Mann · Wien Geschichte Wiki, Wien Kanal · OTS, Baustart Wiental Kanal 2024 · Neue Zeit, Wiener Kanalisation

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